Prosa

TEXTPROBE PROSA/KURZGESCHICHTE

 

 

  • Flügge

 

 

 

Zuoberst am Steilhang steht eine alte Wettertanne. Ein Baum, mächtig wie man ihn nur selten sieht. Seine untersten Äste laden weit aus, auf der Bergseite berühren sie den Boden. Gewaltige Wurzelstränge kriechen unter dem Astwerk hervor, breiten sich aus wie Adern über den steinigen Boden. Ein Baum sucht Halt. Unter seinem Astwerk haben wir Deckung gefunden: mein neunzehnjähriger Sohn und ich. Schon seit Stunden sitzen wir da, mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt. Und wir warten. Gleich hinter dem Baum steigt der Berg steil an. Gegen die Baumkrone hin wird sein Astwerk schmaler und dünner. Dort, wo es in den Wipfel ausläuft, ist der Adlerhorst. In einer felsüberdachten Nische sind auf nacktem Stein Holzknebel, Flechten, Zweige und dürres Reisig meterhoch zu einer Burg aufgetürmt.

 

Lange bevor wir oben angekommen waren, bevor wir den Jungadler im Horst sehen konnten, hatten wir seine trillernden Schreie gehört. Nun beobachten wir aus unserem Versteck den bald flüggen Vogel. Er steht am Rand der Reisigburg. Ab und zu bewegt er ruckartig die Flügel. Dann stieben lose Flaumfedern zu einer weissen Wolke auf. Ein paar Zentimeter nur, und er würde denSchritt ins selbständige Leben tun. Aber noch scheint er Angst zu haben. Er krallt sich fest, kriecht immer wieder zurück ins Dunkel der Nische.

 

Als mein Sohn sagte, er wolle mit mir gehen, wenn ich das nächste Mal zum Adlerhorst aufsteige, war ich erstaunt. Ich konnte mich kaum mehr erinnern, wann wir zum letzten Mal miteinander draussen in der Natur gewesen waren. Als wir dann, am frühen Morgen, zwischen Felsbrocken und Bäumen den steil ansteigenden Hang hoch kletterten, wurde die Spannung zwischen uns spürbar. Er nahm ganz selbstverständlich die Spitze. Kraxelte in forschem Tempo. Ohne Anstrengung, wie mir schien. Ich fing bald an zu schwitzen. Schwitzte immer heftiger. Atmete schwer. Dennoch versuchte ich das Tempo mitzuhalten, ging stur hinter ihm her. Einmal drehte er sich um. Ich liess mir nichts anmerken. Darauf verschärfte er das Tempo. Als ich mich endlich auf einen Baumstrunk setzte, lief mir der Schweiss übers Gesicht. Mein Sohn machte kehrt, kam die paar Schritte auf mich zu. „Gib her!“ sagte er und nahm mir den Rucksack mit der Fotoausrüstung ab. Dann gingen wir weiter. Auf die Tanne zu.

 

„Meinst du, dass die Alten ihn nochmals füttern werden?“ fragt er mich, nachdem wir schon eine Weile unter der Tanne ausgeharrt haben. „Was glaubst du, warum sonst das Junge so betteln würde“, sage ich. Ohne, dass ich es will, habe ich wieder diesen belehrenden Ton angenommen. Ich habe ihn mir im Verlaufe der zahllosen Auseinandersetzungen angeeignet. „Als Tierfotograf brauchst du Geduld!“ „Schon gut“, gibt mein Sohn – nun auch in gereiztem Ton – zurück. Dann hängt wieder jeder minutenlang seinen eigenen Gedanken nach. Ich hantiere am Stativ herum. Es will im schiefen Gelände keinen richtigen Halt finden. Ab und zu, wenn das Adler junge zur Felskante kommt, mache ich ein Bild. Mein Sohn nimmt davon kaum Notiz. Er zieht ein Reclam-Büchlein aus der Jackentasche. „Was liest Du?“ frage ich. .„Maturalektüre“, erwidert er kurzangebunden. Ich schiele auf den Deckel des dünnen gelben Bändchen. Kafka. Den Anfang dieser Geschichte kenne ich auswendig. Seit meiner eigenen Schulzeit:

 

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

 

Mein Sohn hat sich verwandelt. Lang ist er geworden. Schlaksig. Aber es ist nicht die nachlässige Haltung, auch nicht der wippende Gang, die ihn mir fremd gemacht haben. Noch weniger sind es die ersten Bartstoppeln auf dem kantig gewordenen Kinn. Es liegt nicht an seiner Verwandlung. Es liegt an mir. Ich kehre mit meinen Gedanken immer wieder zurück zu dem elfjährigen Jungen, der mit mir Fische fing.

„Weißt du noch, damals in Jugoslawien, als wir die grosse Forelle gefangen haben?“ frage ich. „Ja“, sagt er. „Aber das ist lange her.“ Und liest weiter. Die Augen sind es, die ihn mir fremd machen. Sie durchschauen mich.

 

Als wir in Jugoslawien Fische fingen, war sein Wuschelhaar noch hell, durchwellt von wirren Locken. Sein Gesicht war klug und weich. Ich erinnere mich, dass er, genau in der Mitte zwischen den beiden oberen Schaufelzähnen, eine kleine Zahnlücke hatte. Eine Zahnlücke, wie sie Kinder kriegen, die zu lange am Daumen lutschten. Wenn er lachte, gab ihm diese Zahnlücke etwas Liebenswürdiges, aber gleichzeitig auch etwas Unbeholfenes. Mütter sind besorgt, dass ihre Kinder lachen. Dass sie richtig essen und genug schlafen. Väter mögen es kaum erwarten, dass sie kräftiger werden. Dass sie damit beginnen, ihnen nachzueifern. Als der Junge mich fragte, ob ich ihm eine Fischrute gebe, war ich erfreut. Aber dann verlor ich zum ersten Mal die Geduld. Er war schrecklich ungeschickt. Als er zum wiederholten Mal mit einem unentwirrbaren Knäuel in der Schnur zu mir kam, mich hilflos flehend anguckte, unfähig, auch nur das Kleinste selber zu richten, sagte ich: „Aus Dir wird nie ein anständiger Angler. Lassen wir es besser bleiben.“ Mein Junge liess es nicht bleiben. Er begleitete mich auf meinen Fischzügen am Ufer jenes breiten Kreideflusses. Seine Hände mochten ungeschickt, seine Bewegungen wenig harmonisch sein, an flinker Reaktion war er nicht zu übertreffen. Und dann war da seine Begeisterungsfähigkeit. Die beflügelte mich. Als wir die grosse Forelle hakten, kämpften wir mehr als eine halbe Stunde mit ihr. Gemeinsam. Er, indem er mit dem Kescher jeder Bewegung im Wasser folgte, sich so seinen Teil am Erfolg sicherte. Ich mit demEhrgeiz eines Vaters, der seinem Sohn etwas beweisen wollte. Als wir die Forelle am Ufer hatten, waren wir erhitzt. Und glücklich: Wir klatschten mit den Händen gegeneinander. Und lachten.

 

Eine eigene Angelrute aber nahm mein Sohn nie mehr in die Hand. Dafür begann er Notizen zu machen. Er erkannte Abläufe und Gesetzmässigkeiten des Fliegenfischens, die zu Erfolg oder Misserfolg führten. Indem er sie niederschrieb, gelangte er zu Erfahrungen, die ich mir über unzählige Fehlwürfe umständlich aneignete. Eines Tages schenkte er mir seine Notizen. Fangzeit, Fangplatz, Fischart, Fangmass waren ganz genau festgehalten. Dazu die Beschreibung der angenommenen Köder: Nymphen, Nass- oder Trockenfliegen. Eine kindliche, eine liebenswerte Spielerei, dachte ich vorerst. Mit der Zeit aber erkannte ich, dass mein Sohn mir da einen anderer Weg zum Erfolg zeigte. Und später, als er mich längst nicht mehr begleitete, griff ich immer wieder zu den Notizen.

 

„Schau mal das Adlerjunge“, raunt mein Sohn mir zu. Er hat das Reclam-Büchlein auf den Boden gelegt. „Was ist mit ihm?“, frage ich, noch immer meinen Gedanken nachhängend. Dann sehe und höre auch ich es.Das Junge steht bedrohlich nahe am Horstrand, seine Schreie sind heller und lauter geworden. Auch schlägt es heftig mit den Flügeln. Ich will eben meine Fotokanone neu richten, als ein grosser dunkler Schatten über die Tanne hinweggleitet. Das Steinadlerweibchen. Keine zehn Meter von unserem Versteck entfernt zieht es in lautlosem Flug hinüber zum Horst, wo es ein Schneehuhn, das es in den Fängen mitträgt, vor das Junge hinlegt. Ein wunderschöner Augenblick, auf den wir lange gewartet hatten: Dieser gewaltige Vogel, den wir bisher nur als schwarze Silhouette am Himmel wahrgenommen hatten, in unmittelbarer Nähe. Kurze Zeit später fliegt das Adlerweibchen wieder weg. Wir klatschen – wie damals nach dem Fang der grossen Forelle – mit unsern Händen gegeneinander. Und halten im selben Augenblick inne.

 

Als mein Sohn beschlossen hatte, mit mir zum Adlerhorst aufzusteigen, muss ergewusst haben, dass ich seine Botschaft früher oder später verstehen würde.

 

Es war zwei Wochen danach, als ich nochmals aufstieg. Da war der Horst leer. Den Jungadler sah ich nirgends mehr. Ich las in einer Publikation nach: Adlerjunge könnten zwar nach dem Ausfliegen noch ein ganzes Jahr bei den Eltern um Nahrung betteln, hiess es da. Wenn sie aber damit beginnen, selbständig zu werden, in weiten Flügen herumzustreifen, neue Territorien zu erkunden, lassen die Altvögel sie ziehen. Diese Vögel wissen instinktiv, dass sie ihr Jagdgebiet mit den Jungen nicht teilen können.

 

für Daniel

 

Aus der Buchpublikation „Veränderungen“. (Brattig-Verlag – Alpnach 2002). Ausgezeichnet mit dem Anerkennungspreis des 8. Berner Kurzgeschichtenwettbewerbs, 2004.