Kolumnen

JOURNALISMUS/KOLUMNEN

  • Unsere Zukunft sind die Landwirte

ICH MEINTI (NNZ / NOZ JANUAR 2013)

 

Noch am letzten Tag im alten Jahr war in den Medien nur von einem die Rede: Vom Geld, das an allen Ecken und Enden fehlt! Zu lesen war da etwa: „Ein 65-Jähriger, der heute in Pension geht, erhält im Verlauf seines Rentnerlebens durchschnittlich 40 000 Franken zu viel von seiner Pensionskasse“. – „Das Hauptproblem im gebeutelten Schweizer Tourismus bleibt der zum Euro und Pfund starke Franken, der Feriengäste aus Europa und Grossbritannien abschreckt“. – „In Griechenland sind bislang keine hochrangigen Steuersünder vor Gericht gestellt worden“. – „In den USA sind sich Demokraten und Republikaner einig, dass der Sprung über die „Fiscal Cliff“ verhindert werden sollte.“ – „SCB General Mark Lüthi ist ein Hockey-Kapitalist; er weiss inzwischen genau, dass er mit einer Spengler-Cup-Teilnahme Kohle machen kann“. Geld, Geld! Immer nur das liebe Geld!

 

In der Neujahrsnacht, als sich die Mangelware Geld in aller Welt laut knallend und pfeifend bemerkbar machte, einmal mehr in wenigen Augenblicken in tausend Farben und Funken am Nachthimmel versprühte, sich buchstäblich in Luft auflöste, ahnte ich: Eigentlich wäre Geld noch zum Verschleudern vorhanden! Und im selben Augenblick wusste ich, was ich mir für 2013 wünschte: Dass Politiker und Planer endlich erkennen mögen, wozu wir wirklich Sorge tragen müssten. Nicht zum Geld, sondern zum Kulturland, welches uns langfristig ernähren und erhalten kann. Zu jenem Gut eben, welches in unsicheren Finanzmärkten die einzige noch sichere Kapitalanlage darstellt.

 

Pro Sekunde 1 m2 Kulturland geht in der Schweiz verloren. Das entspricht einer Fläche von zehn Fussballfeldern pro Tag oder der Fläche des Zugersees pro Jahr. Kaum jemand macht Anstalten, diese unkoordinierte Ausbreitung von Siedlungsgebieten zu stoppen. Besonders unverantwortlich aber scheint mir, wenn Politiker und Planer das knapp gewordene Bauland an einzelne möglichst reiche Zuzüger verschachern wollen. Nur, weil diese angeblich die aufgerissenen Löcher in der Staats- und den Gemeindekassen stopfen können. Obwaldens Stimmvolk hat zwar speziellen Wohnzonen für Reiche, wie sie Parlament und Regierung avisierten, eine klare Abfuhr erteilt. Indessen: Politiker und Planer der Gemeinden verfolgen das Ziel, mit dem letzten Bauland reiche Steuerzahler anzulocken, nach wie vor. Wer soll, wenn schon der Volkswille missachtet wird, da noch Einhalt gebieten?

 

Bauern mit gesunden Betrieben sind wohl die einzigen, welche die wildwuchernde Zersiedelung rund um den Sarnersee stoppen könnten. Anders gesagt: Um Kulturland zu erhalten, müssten wir Bauern, die ihrem Beruf noch nachgehen wollen, die Arbeit erleichtern. Stattdessen schränkt der Staat ihre Innovation mit stets neuen Gesetzen ein. Das an sich löbliche Argument, man wolle damit die Umwelt besser schützen, erweist sich da oftmals als grotesker Bumerang. Allein zwischen 1990 und 2000 mussten schweizweit jeden Tag sechs Bauernbetriebe aufgeben. Wo zuvor noch Wiesen gedüngt wurden, breitet sich dann Beton aus. Anstelle der Produktion wertvoller Landwirtschaftsgüter wird Geld ohne Langzeitwert generiert.

 

Ich meinti in Anlehnung an eine nicht eben unbekannte Indianerweisheit: „Erscht wen der letscht Puir verdrossä, der letscht Hoof verchäiffd und der letscht Quadradmeter verbuid isch, wärdid miär gmerkä, as mä ai Styyrgäld nid chad ässä“.

 

  • Bekenntnisse eines Briefeschreibers

ICH MEINTI (NNZ / NOZ OKTOBER 2012)

 

Während meinen Herbstferien gelangte ich mit Entsetzen zu einer Erkenntnis: Als Tourist bin ich stehen geblieben! Irgendwo in grauer Vorzeit. Ich wollte Erinnerungen an einen früheren Aufenthalt in der Toscana auffrischen, da dämmerte es mir. 

 

Damals – vor rund 40 Jahren – stand unsere Reisegruppe voll Ehrfurcht vor dem um 3,97 Grad schiefen Turm von Pisa. Alle lauschten aufmerksam den Worten eines geschichtskundigen Fremdenführers. Dieser eröffnete uns, dass für das Wahrzeichen, auf dem Galileo Galilei die Fallgesetze entdeckt hatte, Einsturzgefahr bestehe. Ich war damals einer der wenigen stolzen Besitzer eines Ungetüms von Spie-gelreflexkamera. Um ein letztes Anden-ken an den „Torre pendente“ zu besit-zen, schoss ich eine Aufnahme. Aller-dings: Bevor ich die Reisebilder meiner Frau oder Freunden zeigen konnte, wartete ich wochenlang ungeduldig auf ein kleines gelboranges Päcklein aus dem Kodak-Labor mit den entwickelten Dias.

 

Der schiefe Turm steht noch. Und mir ist auch klar warum. Heute tummeln sich auf dem Domplatz Hunderte von Touristen. Aus Japan, Amerika, Deutschland, Russland und, und, reisen sie an. Doch keiner und keine hat mehr Lust, von einem Fremdenführer alte Geschichten zu hören. Alle zücken sie augenblicklich ihre iPhones und iPods. Und dann dies: Der/die eine stellt sich als Model auf: Mit von Anstrengung ge-zeichnetem Gesicht und in gekrümmter Haltung. Die Arme weit ausgestreckt, tut er/sie so, als gäbe es etwas Schweres festzuhalten. Der andere zielt mit der Kamera, bis die stützenden Hände genau an den Turm zu liegen kommen. So entstehen täglich Tausende Bilder von Turm-Rettern. Man kann sie augenblicklich betrachten und binnen Sekunden als „mms“ um die halbe Welt verschicken. Mit einer Botschaft in der neusten Weltsprache: „DDDR ??? ( Dreimal darfst du raten). Dann noch: „glg ( ganz liebe Grüsse) M.!!! (*_*) (strahlendes Lächeln). Später, in Florenz, wird nach derselben Methode Michelangelos be-rühmter David umarmt oder Botticellis Venus geküsst und per „hdmfg“ (hab dich mega fest gern) an zu Hause schuftende Freundinnen oder Freunde gesandt.

 

Früher gab es in Hotels Briefpapier. Jeden Abend setzte ich mich hin und schrieb meiner Freundin (und heutigen Frau), was ich gesehen und erlebt hat-te. In ganzen Sätzen. Über die Zeilen galoppierten, wie Ritter der guten alten Sprachgepflogenheiten, präzise Eigen-namen, sorgfältig gewählte Verben, blumige Adjektive. Das sei wohl noch in der Steinzeit gewesen, vermutete eine junge Frau, als ich ihr davon erzählte. Vergeblich versuche ich ihr zu erklären, was Briefe waren: Schriftlich festgehaltene Mitteilungen und Gedanken. Auf Papier konservierte Reiseberichte. Vorsichtig formulierte Analysen über Her-zensangelegenheiten. Was soll’s: Briefe sind out. Das stellt auch die Post fest. Seit 2002 geht’s mit dem Briefschreiben und Verschicken bergab. Heute ist der Briefberg um mehr als einen Fünftel geschrumpft. Doch kein Problem: Der Schaden wurde durchs Anheben der Portos längst wieder wettgemacht.

 

Abends träumte ich von Goethe. Zu-sammen mit diesem schon fast fanati-schen Briefeschreiber reiste ich in einer Pferdekutsche durch die Toscana. Wir schrieben sozusagen um die Wette. „Briefe gehören zu den wichtigsten Denkmälern, die der einzelne Mensch hinterlassen kann“, sagte der Dichterfürst zu mir. Mit andern Worten: „Wer statt Briefe SMS und MMS schreibt, macht den Historikern von morgen das Leben schwer“. Als ich am andern Morgen, von der unbequemen Kutschenfahrt erschüttert und vom Briefschreiben völlig erschöpft, erwachte, fasste ich sogleich einen Vorsatz: Nu hyyt nymän‘ ich bi myynär Fräi ä Kurs im SMS-Schrybä … samt Chirzel!“ A propos. Ich habe schon etwas gelernt: SFH! (Schluss für heute).

 

 

 

  •  „Ich will de nyyd gsäid ha!

 

ICH MEINTI  (NNZ / NOZ JUNI 2012)

 

 

Als Journalist gerät man oft in dieselbe heikle Situation: Man trifft zufällig auf interessante Leute. Ein Wort gibt das andere. Und irgendwann versuchen sie einen mit einer Aussage anzustacheln. Sie kritisieren etwas, hinterfragen oder klagen gar an. Man spitzt die Ohren und fragt am Schluss, ob man darüber nun auch berichtet solle. Doch dann bekommt man meist die stereotype Antwort zu hören: „Klar! Aber mich lassen Sie bitte aus dem Spiel!“

 

Nach dem heurigen „Obwald“ war dies gleich mehrmals der Fall. Leute, die in der hiesigen Kulturszene einen Namen besitzen, brachten viel Skepsis zum Ausdruck: Man solle doch, bitte sehr, auch einmal kritisch über den Grossanlass berichten! Aber eben: Wer ist „Man“? Tatsächlich empfand auch ich dieses Jahr im „Gsang“ ein gewisses Unbehagen. Jedoch: Wie sagt sich so etwas am besten, damit man danach nicht gleich des Landes verwiesen wird? Vielleicht, indem man – wie einst Antonius in Shakespeare‘s „Cäsar“ – statt eine dezidierte Meinung zu äussern, vorsichtige Fragen in den Raum stellt?

 

Soviel Publizität in Printmedien, Radio und Fernsehen wie dieses Jahr hatte das Volkskulturfest „Obwald“ noch nie. Es gab –aufgrund der guten Qualität im letzten Jahr wohl zu Recht – Vorschusslorbeeren zuhauf. Martin Hess als gewiefter Kulturmanager weiss, dass man sich auf Lorbeeren niemals ausruhen darf. Schon gar nicht bei einem Event, welches den Namen von Obwalden weit über die Kantonsgrenzen hinaus trägt. Nur: Warum konnte man sich heuer bei einigen Darbietungen des Gefühls nicht erwehren, dass sich das einheimische Reservoir in den Sparten Jodelgesang und Volksmusik nach und nach erschöpft? Darf man an einem Fest mit derartiger Publizität nicht immer wieder Neues, Überraschendes, Innovatives, und vor allem eine hohe musikalische Qualität erwarten? Mit dem Engagement von Roland von Flüe und „Folka“ und vor allem mit Noldi Alder und Tobias Preisig bewies Martin Hess erneut, welch gute Nase er hat. Aber genügt dies? Noldi Alder sagte: „Hier sind 60 Prozent Ambiente und 40 Prozent Musik“. Zwar hat der Spitzenmusiker dies eher lobend als tadelnd gemeint. Und doch: Müsste eine solche Aussage Gestalter, die von der musikalischen Seite her kommen, nicht nachdenklich stimmen? Ist Archaik allein nicht eher ein Publikumerfolgs- als ein Qualitätsprinzip?

 

An die Grenzen ging der Auftritt der bhutanischen Mönche in Obwalden. Das muss ein Kenner fremder Kulturen wie Martin Hess genau gewusst haben, als er dieses musikalisch-mystische Abenteuer einging. Warum aber hatten viele Zuhörer ein beklemmendes Gefühl? Je länger der Auftritt jeweils dauerte, desto mehr! Welchen Sinn macht es, wenn man Mönche vor einer „mampfenden“ und sich zuprostenden Menschenmenge stundenlang ihre musikalischen Gebete verrichten lässt? Ausgerechnet sie, die, wie betont wurde, ihr Kloster in Bhutan zuvor kaum je verlassen hatten? Würden wohl Engelberger Mönche oder Nonnen aus französischen Benediktinerklöstern ihre wunderbaren gregorianischen Chorgesänge jemals in einem solchen Rahmen vortragen? Erneut darüber zu diskutieren, ob der Betruf an kommerzielle Veranstaltungen gehört, ist müssig. Diese Frage hat Martin Hess, der als Bergler Bescheid weiss, fürs „Obwald“ beantwortet. Man könnte höchstens noch hinterfragen, warum denn einige Älpler mit wirklich schönen Stimmen, es immer noch strikte ablehnen, das Gebet anderswo als auf ihren Alpen zu rufen.

 

Ich meinti:  Wenn einer derart gegen den Strom schwimmt wie ich hier, müsste er sich am Schluss noch selber einen Rettungsring zuwerfen! Vielleicht, indem er das sagt, was alle sagen „Ich will de nyd gsäid ha!“

 

 

  • Polizist mit komischem Bauchgefühl

ICH MEINTI (NNZ / NOZ JUNI 2012)

 

 „Papier ist geduldig“, besagt eine uralte Spruchweisheit. Interessanterweise lautet die lateinische Urfassung des Bonmots ein bisschen anders: „Charta non erubescit“ – „Papier errötet nicht“. Zum Glück! Nicht auszudenken, wie Medien und Bücher aussähen, wenn Phrasen und Floskeln, wie sie tagtäglich geschrieben werden, dem Papier die Schamröte ins Gesicht treiben würden! Noch schlimmer wäre, wenn Papier ob all dem Unsinn und den Kalauern, die man ihm ständig zumutet, rot sehen und die Geduld verlieren würde. Da käme es wohl zu chaotischen Demonstrationen oder – wie man neuerdings in Bern sagt  – „fröhlichen Strassenpartys“.

 

Künstler und Kunstexperten stellen die Geduld von Papier oft auf eine harte Probe. Bei einer Ausstellung im Sachsler „schau! fenster“, unter dem Titel „Freiraum“, las ich kürzlich: „Flexibilität entsteht durch Verdrängung, Verschiebung, Ausdehnung und Schrumpfung der einzelnen Freiräume; Freiräume befinden sich somit immer in einem metamorphosen Zustand“. Alles klar? Einmal abgesehen davon, dass der Duden das Wort „metamorphos“ gar nicht führt, war das eigentliche Kunstwerk leicht verständlich und amüsant. Es bestand nämlich aus einem alten Ofenrohr, welches sich durch den Raum schlängelte.Doch sei die Frage erlaubt, ob man so ein Ofenrohr nicht mit Worten beschreiben könnte, die auch gewöhnlich Sterbliche verstehen. Selbst der Philosoph Diogenes nannte sein Fass immer noch Fass.

 

Die Kapriolen des Amtsschimmels kennt man spätestens, seit Bundesrat Hans Rudolf Merz „über den Charakter der Ware eines Kapitels (zum Beispiel Bündnerfleisch“ stolperte und sich vor Lachen kaum mehr erholen konnte. Doch muss man nicht bis ins Bundeshaus gehen, um Schreibkünsten des Amtsschimmels zu begegnen. Kürzlich verschickte die Einwohnergemeinde Sarnen ein Schreiben mit dem Titel „Information Gewässerausscheidung“. So weit so gut: Aber, wenn dann auch noch „Grundeigentümer in den Ausscheidungsprozess und den Gerinneverlauf auf ihren Grundstücken miteinbezogen werden“ kommt man schon ins Grübeln. Ob hier nicht doch die andere, etwas unappetitlichere Bedeutung von „Ausscheidung“ gemeint ist? Jedenfalls war man für einmal froh über eine Floskel: „Bei allfälligen Fragen wenden sie sich an …“

 

Auch die Sprache wehrt sich nicht, wenn man sie malträtiert. Kürzlich liess eine Tagesschaumoderatorin einen Politiker, statt über die Klinge, gleich „über die Klippe springen“. Und ihr Berufskollege begnügte sich nicht damit, den Stier bei den Hörnern zu packen; er wollte ihm sogar „die Hörner ziehen“. Da würde ja selbst ein Torero vor Neid erblassen! Geradezu zweideutig war eine Aussage, welche unlängst eine Expertin der Fachstelle für Frauenfragen und Frauenemigration (FIZ) in einem Zeitungsinterview machte: „Wenn ein Polizist bei einer Razzia in einem Bordell ein komisches Bauchgefühl hat, kann er reagieren, seine spezialisierten Kollegen beiziehen oder die FIZ kontaktieren“. Wie bitte schön ist das genau mit dem komischen Bauchgefühl eines Polizisten im Bordell? Das Gegenteil dessen, was sie sagen wollte, publizierte eine Nidwaldner Firma im Anzeiger zum Abschied eines lieben Kollegen: „Danke Georg, wir werden Dich und Deinen einzigartigen Humor schwerlich vermissen!“ Hatte dieser Georg denn Mühe beim Witze erzählen?

 

Immer diese Oberlehrer! Zugegeben, ich kann da nicht über meinen Schatten springen. Aber: Äigetlich wär ja yysi Spraach äs Verständigungsmittel! Also: Lassen sie sich von Fachpersonen beraten oder lesen sie die (Duden)beilage

 

  • Der Herrgott ist kein Kirchenrechtler

ICH MEINTI (NNZ / NOZ MÄRZ 2012)

 

Als ich hörte, dass unser Bischof Vitus Huonder wieder verheiratete Geschiedene von den Sakramenten ausschliessen will, überlegte ich mir, ob ich nun doch aus der Kirche austreten sollte. Nicht, weil ich selber betroffen wäre … ich bin seit 43 Jahren verheiratet. Aber ich kenne Menschen, welche diesen Hirtenbrief, wie eine alttestamentarische Verurteilung empfinden.

Damit es klar ist: Den Gedanken eines Kirchenaustritts habe ich gleich wieder verworfen. Zum einen ist Bischof Huonder „Gott sei Dank“ nicht der Herrgott. Selbst der Engelberger Abt Christian vertritt die Ansicht, dass sich Kirchenrechtler auf Erden nicht zum Herrgott über den Herrgott ernennen sollten. Zum andern bin ich überzeugt, dass ich gegen die Sturheit der romtreuen katholischen Rechtslehre nur dann ankämpfen darf, wenn ich meine Kirchensteuer weiterhin bezahle, trotz allem dazu gehören will. Für mich steht fest: Unumstösslich sind auf dieser Welt nur Naturgesetze, welche der Schöpfer selber gemacht hat. Von Menschen verfasste Gesetze aber –selbst wenn Verfasser der Bibel sie aus ihrer Zeit heraus formuliert haben – kann und soll man immer wieder ändern oder mindestens an neue Gegebenheiten anpassen.

 

Für eine Frau aus Kerns war vor mehr als 30 Jahren eine Scheidung aus verschiedenen Gründen unumgänglich. Später lernte sie wieder einen Mann kennen. Dank dem früheren Schwander Pfarrer Walter Bucher konnte die neue Verbindung in der Mattacher-Kapelle gar mit dem Segen der Kirche vollzogen werden. Wie viele seiner Kollegen setzte dieser Priester Seelsorge schon damals vor Kirchenrecht. Die „Geschiedene“, wie Bischof Huonder geradezu ächtend sagen würde, lebte in ihrer neuen Beziehung „in Liebe und Verantwortung“. Mit ihrem Partner hatte sie einen Sohn. Dieser wurde christlich erzogen. Nach seiner Schul- und Lehrzeit machte der junge Mann eine militärische Karriere bei der Schweizer Armee. Schon war er beruflicher Kompaniekommandant, da entschied er sich aus christlicher Überzeugung heraus für die Schweizer Garde. Nun dient der Kernser im Vatikan nochmals von der Pike auf.

 

Die Mutter des Schweizergardisten aber hat am neuen Ukas aus dem Churer Bischofspalast schwer zu kauen. Am 6. Mai 2012 wird ihr Sohn im Vatikan vereidigt. Für Eltern beinhaltet dieses Fest neben einer Audienz beim Papst auch einen feierlichen Gottesdienst. Obwohl die Frau der römisch katholischen Kirche nach wie vor angehört, wird sie – im Gegensatz zu ihrem Sohn – an diesem Tag nicht zur Kommunion gehen. Das tut weh. Ein Schicksal unter vielen. Es zeigt, wie absurd und unmenschlich die pastorale Dimension dieses rein kirchenrechtlich begründeten Entscheides ist. Eine wiederverheiratete „Geschiedene“ überlässt ihren Sohn dem Papst als Gardist, von der offiziellen Kirche aber wird sie stigmatisiert.

 

Prinzessin Caroline von Monaco hat bewiesen, dass auch im Kirchenrecht durchaus ein Ermessensspielraum besteht. Ist man blaublütig und verfügt man dazu über die nötigen Beziehungen, zeigt sich sogar der Papst gnädig. Ganz nach dem Vorbild von Jesus im neuen Testament. Jedenfalls löste der Vatikan ihre erste Ehe mit dem Lebemann Philippe Junod nach zwölf Jahren auf. Caroline hatte argumentiert, dass sie bei der Heirat noch völlig unerfahren gewesen sei! Dass die zum dritten Mal verheiratete Prinzessin heute wieder im Blitzlichtgewitter der Medien zu den Sakramenten geht, ist verständlich. Schon schwieriger zu verstehen ist, warum ausgerechnet vor dem so streng gehüteten Kirchenrecht einige gleicher sind als andere. Mir stellt sich da die Frage: „Wiä ergiängs ächt däne Chilärächtler z Rom, wenn ai dää, wo alls wäiss, sonä strengä Richter wär?“

 

 

  • Ein unerwünschtes Buch

 

ICH MEINTI (NNZ / NOZ Februar 2012)

 

Ich bin vielen Büchern begegnet. Da gab es welche, die mir schon in der Kindheit spannende Unterhaltung boten. Später berührten mich einige mit Liebesgeschichten. Andere wiederum gehörten während der Schulzeit zum „Kanon“ der Literatur. Nur wenige haben mich so sehr beeindruckt, dass ich sie auch nach Jahren immer wieder zur Hand nehme. Eines ist der 1605 erschienene Bestseller von Miguel de Cervantes: Don Quichote! Warum nur hat es dieser Ritter von der traurigen Gestalt mir und vielen andern Lesern so sehr angetan? Vielleicht, weil wir uns in dieser Gestalt wiedererkennen? Don Quichote kämpft zwischen allen möglichen Fronten tapfer gegen die Übel dieser Welt an. Vor allem ist er naiv genug nie aufzugeben! Selbst dann nicht, wenn sich seine mächtigen Gegner als Windmühlen entpuppen.

 

Als eine Art Don Quichote versteht sich wohl auch der Wiler Geschäftsmann Hanspeter Durrer, wenn er mit seinem „Enthüllungs-Buch“ mit den Obwaldner Gerichten ins Gericht geht. Dagegen, dass er für sein gutes Recht kämpft, gibt es nichts einzuwenden. Ich gestehe ihm auch zu, dass er mit seiner „Idylle am Sarnersee“ tatsächlich Ungereimtheiten in der Obwaldner Justiz aufgedeckt hat. Trotzdem widert mich sein Machwerk an. Als aufdringlich empfinde ich, wenn er es mir – wie vielen andern Obwaldnerinnen und Obwaldnern auch – unbestellt in den Briefkasten legt. Meine Lektüre bestimme ich gerne selbst. Im Gegensatz zu Don Quichote, der bei seinem Kampf stets ritterlich und fair bleibt, kämpft Durrer mit harten Bandagen. Zielpublikum sind wohl von Anbeginn an die Medien. Dass er für seine Abrechnung mit dem Titel „Sein Wille geschehe“ gar noch das Vaterunser missbraucht, ist nahezu geschmacklos. Der Absicht des Autors schon näher kommt das grossartig lateinisch zitierte Hieronymus-Wort „Irren ist menschlich, im Irrtum beharren dumm“.

 

Der Rundumschlag ist, wie man inzwischen schmerzlich erfahren musste, nicht ohne Wirkung geblieben. Durrer als unschuldig „Gerichteter“, hat sich, indem er für seine Sache die Öffentlichkeit mobilisiert, selbst zum Richter empor geschwungen. Ihm geht es letztlich um verlorenes Geld. Damit aber richtet er – mindestens menschlich gesehen – einen ebenso grossen Schaden an, wie jene, die er an den Pranger stellt. Ein wesentlicher Unterschied: Die Obwaldner Richter räumen Fehler ein. Hanspeter Durrer aber proklamiert in der Boulevard-Presse: „Ich habe kein schlechtes Gewissen, ich stehe zu meinem Buch und kann alles belegen“. Gut möglich, dass er das tatsächlich kann. Aber: Wie war das doch mit jenem „ersten Stein“ in der Bibel schon wieder?

 

In die gleiche Kerbe wie Durrer haut nun auch die Obwaldner SVP. Gestützt auf das Elaborat droht sie den Angeprangerten mittels einer öffentlichen Untersuchung Konsequenzen an. Eigentlich überrascht das nicht. Seit Blochers Abwahl sind Abrechnungen nach Wahlen oder Nichtwahlen in dieser Partei Usus. Und: Wer gezielt sucht, findet immer etwas. Aus der Perspektive der Betroffenen betrachtet, heisst es dann: Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin um…  jedenfalls, wenn er sich in irgendeiner Weise mit der SVP anlegt. Wo aber die Volkspartei zum Angriff bläst, spielt sich in Internet-Foren bald auch das Volk zu Richterinnen und Richtern auf. Oder anders gesagt: „Äs gid äister mee Lyyt, die leggid fir jedä und jedi äs schlächts Woord i.“

 

 

  • Einladung zum „Dinner for one“

ICH MEINTI  (NNZ/NOZ Silvester 2011)

 

Offenbar braucht der Mensch auf seiner Zeitreise ab und zu einen Marschhalt. So jedenfalls lässt sich das Brimborium rund um Silvester und Neujahr erklären. Da wird ein Kapitel abgeschlossen um – nur zwölf Glockenschläge später – ein ganz neues zu beginnen. Und viele glauben allen Ernstes, dass man sich in diesem Moment ändern und plötzlich alles besser machen kann. Mit einem simplen Neujahrsvorsatz!

 

Ein leuchtendes Beispiel ist da unsere neue Bundespräsidentin Eveline Widmer Schlumpf. Unmittelbar nach ihrer Wahl hat sie für sich und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter einen Neujahrsvorsatz gefasst. Der Bundesrat wolle künftig vermehrt als Kollegium auftreten, versprach sie. Schliesslich betreffe kein Geschäft nur ein Departement. Überhaupt dürfe in der Schweiz nichts mehr bleiben wie es nun jahrelang gewesen sei. Unser Land müsse wieder ein einzig‘ Volk von Brüdern (und Schwestern) werden, sich auf seine Werte besinnen und zur Solidarität zurückfinden. Habe ich ähnliche Töne aus dem Bundeshaus nicht schon in früheren Jahren gehört? Jedenfalls: Wenn ich mir unser Parlament vorstelle – den bürgerlichen Spartrupp zur Rechten und die Genossen mit sauersüssen Mienen zur Linken – hege ich ernsthafte Zweifel, dass sich da, nur weil das Jahr seine Zahl wechselt, etwas ändern könnte.

 

Nüchtern betrachtet unterscheidet sich die Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar von den 364 Nächten davor und danach überhaupt nicht. Zu dem, was sie heute in weiten Teilen der Welt ist, haben wir sie gemacht, als wir unsere Zeitrechnung einführten. Dabei könnte das Jahr, wie die Chinesen beweisen, genauso gut an einem andern Tag aufhören und beginnen. Feuerwerke und Bleigiessen hin oder her: Eine besondere Magie, die uns beim Einhalten von guten Vorsätzen behilflich sein könnte, besitzt diese letzte Nacht im alten, oder eben erst im neuen Jahr jedenfalls nicht.

 

Da lasse ich mich lieber zum „Dinner for one“ einladen. Dieses flimmert Jahr für Jahr zigfach und schwarzweiss über die Bildschirme. Fast zum gleichen Zeitpunkt, in dem Politiker ihre Neujahrsvorsätze verkünden, demonstrieren die 90jährige Miss Sophie und ihr womöglich noch älterer Butler James, wie es durchaus auch im gewohnten Trott weiter gehen kann. Wenn Butler James auch nur leise hofft, dass sich in dieser einen Nacht doch irgendwann einmal irgendetwas ändern könnte, fährt ihm Miss Sophie harsch über den Mund: „Same procedure as last year, James!“ Und so serviert denn der alte Mann, der einem von Gang zu Gang mehr Leid tun kann, der eisernen Lady und ihrer imaginären Gesellschaft das berühmte mehrgängige Dinner. Haargenau wie letztes und vorletztes Jahr. Nicht einmal das Fell des unseligen Tigers am Boden, über dessen Kopf der Diener eins übers andere Mal stolpert, wird je ersetzt. „Same procedure as every year!“ Bis hin zum verhängnisvollen Abgang ins Schlafgemach, bei dem der stockbetrunkene Butler treuherzig verspricht: „I‘ ll do my very best!“

 

Ich meinti, mir behagt dieses mit einem listigen Augenzwinkern Richtung Publikum ausgesprochene Versprechen mehr als all die hochtrabenden Vorsätze, welche Politiker zum neuen Jahr formulieren. Und in meiner Obwaldner Mundart stelle ich fest: „Wenns stimmd, as der Wäg zur Hell mid guätä Vorsätz pflaschteräd isch, hed weenigschtens der Tyyfäl äister nu Hochkonjunktuir“.

 

 

  •  Grinsende Wahl-Kämpfer     

ICH MEINTI  (NNZ/NOZ Oktober 2011)

 

Seit Wochen wiederholt sich in den Medien tagtäglich ein mehr oder weniger gleiches Szenario: Moderatoren versuchen Parteilöwen bis aufs Äusserste zu reizen, und früher oder später werden ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt. Kandidatinnen und Kandidaten – namentlich die angeblich volksnahen von rechts und die erklärt sozialen von links – geraten sich in die Haare. Spätestens jetzt beginnen Diskussionen in Wahlkämpfe auszuarten. Nicht für, sondern gegen etwas wird argumentiert. Nicht um Lösungen, sondern um die Vormachtstellung der Partei wird gerungen.

 

Als das Parteien-Hickhack bei einer solchen Veranstaltung einmal besonders gehässig war, wurde es einer Frau und Mutter im Publikum zu bunt. Sie trat ans Mikrofon und redete Tacheles: „Ihr seid doch erwachsene Leute“, sagt sie. „Hört endlich mit dem sinnlosen Parteigezänk auf und verwendet eure Zeit auf die gemeinsame Suche nach Problemlösungen!“ Schon „Kindergärtlern“ bringe man heutzutage bei, dass sie Schlösser nur in einem friedlichen Miteinander und nicht in einem zerstörerischen Gegeneinander bauen könnten. Tosender Applaus: Die Frau hatte die Wurzel allen Übels in der Politik erkannt und benannt.

 

Solche Rufer in der Politwüste bleiben leider meist ungehört. Deshalb entschliesse ich mich, den Kampfhähnen und Streithammeln in den Medienarenen den Rücken zuzukehren. In der heilen Welt echter Tiere möchte ich Erholung und Ruhe finden. Allein: schon auf dem Weg zum Goldauer Tierpark durch vier Innerschweizer Kantone gerät meine Flucht ins Stocken. Kandidatinnen und Kandidaten haben sich offenbar eines Besseren besonnen. Zu Dutzenden grinsen sie mich nun, Meter für Meter, die weissen Zähne bleckend, von Plakaten an. Lauter kompetente Exemplare der Gattung Homo sapiens! In schönsten Farben, auf Hochglanz poliert, vielversprechend, frontal und mehr als freundlich strahlend.  Blosswegschauen! sage ich mir. Sonst gerate ich erneut in die Wahlkampf-Tretmühle.

 

Im Tierpark stolziert ein Pfau über den Weg. Eitel wie er nun einmal ist, schlägt er ein Rad. Woran erinnert mich denn das schon wieder? Der Rothirsch im Gehege versucht seinen Weibchen laut röhrend zu imponieren. Auch dieses Gehabe kommt mir irgendwie bekannt vor. Zwei Kolkraben hacken mit Schnäbeln aufeinander. Wie kann man nur so bestialisch sein? Nein, bei den Tieren kann ich mich auch nicht erholen. Wie ich schon zum Rückzug blase, heben Gänse auf dem Teich zu einem derartig gehässigen Geschnatter an, dass es mir Angst und Bange macht. Offenbar bin ich zwischen zwei oppositionelle Fronten geraten. Ja, gibt es denn in diesem Land wirklich keinen Ort mehr, wo die Welt, trotz Wahlen, vernünftig geblieben ist?

 

Zurück ins Obwaldner-Ländchen, sage ich mir. Zwischen Brünig und Pilatus pflegte man von Wahlen kaum je allzu viel Aufhebens zu machen. Kandidatinnen und Kandidaten war schon immer klar, dass sie hier, wo beinahe jeder jeden kennt, die Wählerschaft weder mit Plakatfluten noch mit teuren und angriffigen Propagandaschriften ködern können. Jedoch: Welch hoffnungsloser Träumer bin ich geworden! Schon ein paar Meter nach dem „Chabisstei“ kommt das Erwachen. Einer unserer Kandidaten grinst mir fröhlich entgegen, und je weiter ich ins Ländchen vorstosse, desto mehr verfolgt er mich mit seinen Parteiparolen.

 

Aus Obwaldner Erfahrung würde ich zur Vorsicht mahnen: „Wer si hiä z wältsig is Bild gsetzt hed, isch eppä scho usäm Ramä ghyyd.“

 

  • Indianer zu sein!

WUCHÄ-GEDANKE  (Obwadner Wochenblatt, April 2009)

 

Ich gebe es gerne zu: In meiner Kindheit habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als wie Winnetou zu sein. Damals pflegte ich eine weisse Schwanenfeder in ein rotes Stirnband zu stecken. Ein hölzernes Gewehr hatte ich mit Silbernägeln beschlagen und an meinem Hals baumelte eine Friedenspfeife aus Ton. Zusammen mit andern Indianern hielt ich im Sarner Rosengarten vor Tipis Kriegsrat, und wir kämpften gegen Cowboys aus dem Dorf, die wir verächtlich „Bleichgesichter“ nannten. Ja damals hät-ten wir alle viel darum gegeben, wenn uns tatsächlich jemand für Indianer gehalten hätte.

Nun – mehr als fünf Jahrzehnte später – hat sich mein Jugendwunsch doch noch er-füllt. Dass es gar der deutsche Bundesfinanzminister Peer Steinbrück persönlich ist, der mich zum Indianer ernannt hat, erfüllt mich eigentlich nur mit Stolz. Mögen die Deutschen ruhig ihre Kavallerie aufmarschieren lassen! Ich fühle mich in meiner „Rot-haut“ noch lange wohler. Zwar trifft man mich heute bestimmt nicht mehr mit Toma-hawk und Silberbüchse bewaffnet an, aber in meinem Herzen habe ich noch etwas von diesem Bubentraum bewahrt. Und wenn ich meinen liebsten Hobbys – Angeln, Pilze sammeln, Tiere fotografieren – nachgehe, dann werden in mir Erinnerungen an eine Zeit wach, in der ich noch die Illusion hatte, dass schliesslich immer die Guten – und das waren für mich ohne jeden Zweifel die Indianer – siegen würden. Und: Genau in diesem Punkt hat der deutsche SP-Politiker und Finanzfachmann nichts, aber auch gar nichts begriffen. Wie sonst könnte er ausgerechnet internationale Steuersünder wie wir Schweizer es nun einmal sind, als Indianer bezeichnen? Im Gegensatz zu un-sern „Not leidenden Banken“ mit ihren bedauernswerten Managern, die sich bitter be-klagen, wenn ihre Milliarden-Bonis um einen Drittel gekürzt werden, war für echte In-dianer Geld schon immer eine wertlose Materie. Um dies begreiflich zu machen, braucht man nur den wohl berühmtesten Ausspruch eines Cree-Indianers wieder ein-mal zu zitieren: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann!“ Ein Spruch, der heute vor allem noch unseren Kindern, solange sie noch klein und einfühlsam sind, im Schulunterricht beigebracht wird. Unsere Schweizer Politiker aber haben diese Weisheit ebenso wenig begriffen oder sich zu Herzen genommen wie die deutschen oder amerikanischen. Ergo: Den Ehrentitel „Indianer“ verdienen wir alle-samt nicht. Uns geht es doch nach wie vor in erster Linie darum, ein rücksichtsloses, kapitalistisches System – in welchem Indianer von der Kavallerie fast ausgerottet worden sind – mit allen nur irgendwie verfügbaren Geldmitteln wieder ins Lot zu kriegen. Weisse, schwarze oder Graue Listen hin oder her: So gesehen, gehören die Schweizer unter Häuptling Rudolf Merz genauso zur rücksichtslosen Kavallerie wie Peer Steinbrücks Deutsche oder Obamas Amerikaner.

So leid es mir tut: Auch ich muss den Ehrentitel „Indianer“, den ich mir einst so sehr erwünscht hatte und den mir dieser deutsche Finanzpolitiker nach all den Jahren end-lich verliehen hat, ohne „Wenn und Aber“ wieder zurück geben. Längst vergessen ist der Traum ein naturverbundener Indianer zu sein! Von Tagesschau zu Tagesschau mehr verloren die Hoffnung, dass in unserer Welt wirklich noch das Gute oder die Gu-ten siegen könnten! Nein, Herr Steinbrück, wir Schweizer verdienen es leider nicht, Indiander genannt zu werden. Ja, vielleicht wäre es die rettende Idee, in unserer Welt nach den paar letzten Völkern zu suchen, die man tatsächlich auf eine „Rote Liste“ setzen könnte.

 

  • „Null-acht-fünfzehn“

 

LITERATURPAUSE  (Zentralschweizer Literaturmagazin / No. 19, Dezember 2009. Zum Thema „Kolumnen auf das Jahr 2010).

 

Auf Ende Monat werde ich pensioniert. Natürlich wollte ich in diesen neuen Lebensabschnitt nicht unvorbereitet starten. Deshalb besuchte ich rechtzeitig ein Seminar unter dem Titel „Pensionierung in Sicht“. Was mir ausgewiesene Experten da an neuem Wissen, interessanten Perspektiven, unverzichtbaren Ratschlägen, Anleitungen für sportliche, geistige, philosophische und sogar abenteuerliche Tätigkeiten auf den Weg in den „Ruhestand“ mitgaben, übertraf meine kühnsten Erwartungen. Kurz und gut: Das Seminar war ein Volltreffer. Eine Ausnahme allerdings gab es: Neben einem Psychologen, einer Sportlehrerin, einem Finanzberater, einem pensionierten Pfarrer und einer Hauswirtschaftslehrerin referierte auch ein Rechtsexperte. Der liess uns einen Fragebogen ausfüllen. Als er meine Ausgangslage – nur einmal verheiratet, zwei Kinder aus erster Ehe, AHV ohne Lücken, normale Pensionskasse und dritte Säule ohne risikoreiche Geldanlagen – zur Kenntnis nahm, machte er seinen Unmut Luft: „Ich bin Experte für Rechtsfragen, und Leute mit so einer „Null-acht-fünfzehn“ Vorgeschichte sind für mich nicht von Interesse“, sagte er vor der ganzen Runde. Als er dann seine Ausführungen über Verkehrswert und Teilungstag, Gütertrennung oder Enterbung machte, hörte ich nicht mehr zu. Mich beschäftigte einzig die Frage, woher der Ausdruck „Null-acht-fünfzehn“ stammt. In der Kaffeepause machte ich, was man heute in einem solchen Fall macht: Ich „googelte“ den Begriff und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: „Null-acht-fünfzehn“ stehe für MG 08/15, einem Maschinengewehr, an welchem deutsche Landser vor dem Ersten Weltkrieg geübt hätten, hiess es. Heute sei die Redewendung abwertend, im Sinne von etwas Gewöhnlichem, nichts Besonderem. Mir wollte die Galle hoch steigen. Doch dann kam mir in den Sinn, welches jene ungewöhnlichen, besonderen Situationen sind, die Experten Hochkonjunktur bescheren. Gefragt sind ihre Einschätzungen etwa im Zusammenhang mit neuen Suchtverhalten, beim Zusammenbruch des Wirtschafts- und Finanzsystems, zu Bonus-Zahlungen, zu Krieg und Terror oder zum Phänomen der Raser auf unseren Strassen. Als ich, mit dieser Erkenntnis, in den Seminarraum zurückkehrte, war mein ganzer Zorn verflogen. Am liebsten hätte ich mich zu Wort gemeldet und dem Rechtsexperten von Herzen dafür gedankt, dass er mich als „Null-acht-fünfzehn“- Zeitgenossen gelobt hatte. Das einzige, was mich an diesem Ausdruck heute noch stört, ist die Tatsache, dass er seinen Ursprung bei einer Kriegswaffe hat.