Einblicke: Kolumne „Zentralschweiz am Sonntag“

 

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Vom Januar- ins Februarloch

„Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht!“ erkläre ich ziemlich grossspurig meiner Frau, als sie das Januarloch in unserer Haushaltskasse erwähnt. Wo ich denn diesen blödsinnigen Spruch  schon wieder aufgeschnappt habe, will sie wissen. Von wegen blödsinnig: Diese Erkenntnis – wenn auch aus etwas prominenterem Munde und um eine Spur griffiger formuliert – stellte am WEF in Davos sogar neunmalkluge Globalisierungs- und Freihandelsstrategen in den Schatten: jedenfalls, was die Medienpräsenz anging! Was aber dem „Grössten“ auf dieser Welt recht ist,  sollte uns Kleinen wenigstens billig sein!

Ergo: ab sofort übernehme ich das Haushaltsbudget: Investiert wird nur noch in Geschäfte, die „first of all“ für uns lukrativ sind! Jawohl: Kopfrechnen werde ich. Wäre ja gelacht, wenn sich unsre Hauswirtschaft nicht schon in der ersten Februarwoche aus dem finsteren Januarloch zur hellen Davoser Sonne aufschwingen würde. Ein Klacks bei all den aktuellen Angeboten: zuerst kaufe ich Papiertaschentücher. Packweise mit 50 % Rabatt und Suisse Garantie: „Da lueg i druuf!“ Zwei Vorteile hat dieser Deal: Keine teuren Waschmittel mehr. Kein Strom fürs Bügeln. Und „Uncle Ben‘s“ würzige Express Paella mit Paprikawurst erst! Die gibt‘s jetzt zum sagenhaften Einführungspreis von 3.15! Darüber hinaus will mir der Superladen gar noch ein Reisespiel für die Grosskinder schenken … allerdings erst ab 100 Franken Einkauf. Nun denn: posten wir halt – zum besten Preis der Schweiz –  noch einen Bohrschrauber und Winkelschleifer inklusive Tasche für 99 statt 279 Franken. Do it yourself, statt fremde Handwerker im Haus: das passt doch auch!

Allerdings: Irgendetwas läuft schief: Zwar boomt die Wirtschaft unter meiner Führung. Nur mit der Rendite klappt es nicht so recht. Mindestens längerfristig gesehen. Paprikawurst –und sei sie noch so günstig – isst bei uns niemand. Die Kosten für Abfallsäcke, auch wegen der Papiertaschentücher, sind enorm. Mit dem ultramodernen Bohr- und Winkelschleifer ist einer wie ich, der noch nie einen Nagel gerade eingeschlagen hat, schlicht überfordert. Bleibt als Aktivposten gerade mal das Gesellschaftsspiel. Ja, ist es denn blosser Zufall, dass dieses ausgerechnet Kopfrechnen voraussetzt? Und dazu erst noch einen Amerikanisch-Englischen Namen hat: „Make’n’Break!“

Romano Cuonz

 

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Kurs für Wutbürger

„Vor Wut kochen, schäumen, Wände hoch und an die Decke gehen, ja platzen könnte man!“ rufe ich aus. Und zeige auf fette Schlagzeilen: „Millionenbetrug bei Raiffeisen!“ Haben die nicht auch Geld von mir? „Bschiss beim Gelben Riesen!“ Ja, löse denn nicht auch ich viel zu teure Postauto-Fahrkarten? Und, und, und …. Stammtischfreund Wisi grinst. Auf derart martialische Weise mache heute niemand mehr seiner Wut Luft. Sowas sei längst eine digitale, ja sogar eine sehr soziale Angelegenheit. Ob ich denn noch nie etwas von „Social Media“ gehört hätte?

Ein Seniorenkurs zeigt mir dann  sämtliche Ventile für Wutbürger auf! Nun hätte ich eigentlich bloss noch die Qual der Wahl: Facebook, You Tube, WhatsApp, Instagram oder Twitter? So einfach ist das. Warum  muss dieser Kursleiter unserem Eifer dann doch noch einen Dämpfer aufsetzen? Alles, was man in heiligem Zorn poste, blogge oder chatte sei von unendlicher Reichweite, warnt er. „Tippt ins Worldwide Web nur, was ihr auch auf der Strasse jemandem direkt ins Gesicht zu sagen wagt!“

Schon auf dem Heimweg werden böse Erinnerungen wach. Wie war das noch? Vor genau 50 Jahren. Damals, im 1968! Was für eine gewaltige Wut hatten wir da im Bauch! Gegen diesen fetten kapitalistischen Bonzen, der in Lausanne alle Kinos aufkaufte,  Einheitspreise einführte und jede Ermässigung für Studenten strich. Protestieren wollten wir. Wenn nötig mit Gewalt. Wie einst Che Guevara, dessen Konterfei an allen Wänden der Uni prangte. Jedoch: Als ich nur schon von weitem sah, wie Polizisten samt ihrer ultramodernen  „Antidemoausrüstung“ aufmarschierten, besann ich mich eines Besseren. Vielleicht hatte ja doch der alte Grieche Euripides Recht? Der nämlich sagte: „Vorsicht ist die rechte Tapferkeit!“ Eilig erstand ich – obwohl viel zu teuer – eine  Eintrittskarte für Claude Chabrols Film „Das Auge des Bösen“. Und verschwand dann flugs im Kino.

Als Tränengas durch die Lüftung drang, nahm der Spass ein abruptes Ende. Und trotzdem war ich heilfroh, mit  zwei „weinenden Augen“ davon gekommen zu sein. Nein, das Zeug zum Wutbürger habe ich definitiv nicht. Und deshalb nehme ich –  trotz all des im Seniorenkurs neu erworbenen Wissens –  auch jetzt wieder zu meinen alten Griechen Zuflucht. Zu Seneca diesmal.  Der rät: „Das grösste Gegenmittel gegen den Zorn ist der Aufschub!“ 

Romano Cuonz

 

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Bibel: Buch für alle Fälle

 „You‘ ll never walk alone … !“ Vielstimmig grölen Fans die Hymne. Und ich „alter Esel“ vor dem Bildschirm stimme mit ein: nur weil ich Liverpool beim Siegen helfen möchte! Stammtischkolleg Wisi gibt mir einen unsanften Stups. Eigentlich sei es ziemlich daneben, solche Worte  für den Fussball zu missbrauchen, meint er. Und fast vorwurfsvoll: „Die stammen aus der Bibel und lauten bei Matthäus ursprünglich ‚Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende‘ – Punktum!“  

„Nun, so weit voneinander entfernt sind  Bibel und Fussball auch wieder nicht“, kontere ich. Wie oft sieht man nach „wunderbaren“ Toren, wie sich Fussballgötter mit reich tätowierten Armen vor der Fankurve niederknien. Oder gleich mehrfach bekreuzigen! Und ich kann sie sogar verstehen! Wenn im Römer Stadion -zig Tausend Fans  mit ihrem alten Dichter Juvenal lautstark nach „Brot und Spielen“ – natürlich mit dem besseren Ende für ihr Team – schreien,  tut man als Lieferant gut daran,  sich irgendwie abzusichern.

Und wo – wenn nicht in der Bibel – fände man dafür das geeignete Rezept? Da verspricht etwa Matthäus:Und alles, was ihr bittet im Gebet, so ihr‘s glaubt, werdet ihr’s empfangen! Ein Problem könnte jetzt nur noch entstehen, wenn Spieler von gegnerischen Mannschaften gleichzeitig um den Sieg bäten. Doch die Bibel – das „Buch der Bücher“ – hält  sogar für diesen Fall noch einen freundlichen Ratschlag bereit. Den selbst nach gröbsten Patzern noch ganz anständig verdienenden Versagern ruft Matthäus zu: „Sorgt euch nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen.“

Von Fussballgöttern einmal abgesehen: Vielleicht täte mehr Bibellektüre allen gut. Der frühere Einsiedler Abt Martin Werlen hat da ein einfaches Rezept. „Die Liebe zur Heiligen Schrift habe ich nicht durch das Wissen gefunden, sondern durch das Verkosten einzelner Sätze“, schreibt er. Machen wir die Probe aufs Exempel! Ob die Bibel beispielsweise auch einem wie mir etwas zu sagen hat? Einem, der sich im Alltag über so vieles – sogar über falsche Schiedsrichterentscheide –  aufregen kann und dabei seine eigene Meinung gar wichtig nimmt. Ja siehe da: Jakobus meldet sich  zu Wort. „Was ist schon euer Leben? Ein Dampfwölkchen seid ihr, das für eine kleine Weile zu sehen ist und dann wieder verschwindet“, ermahnt er mich und meinesgleichen.

Romano Cuonz

 

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Von Hörnern und dem  I-KUH

„Das geht doch wirklich auf keine Kuhhaut mehr“, schimpft Stammtischkollege Wisi und zeigt das Bild eines  jurassischen Bauern mit weissem, zerzaustem Bart und Wollkäppi in der Zeitung. Der wolle die Hörner seiner Kühe doch tatsächlich in der Bundesverfassung verankern und überdies noch würdevoll subventionieren lassen! „Ob so viel Unverfrorenheit schauen selbst clevere Parlamentarier fast noch dümmer drein als die Kühe!“ ereifert sich Wisi.

Jetzt ist es an mir, meinem Kollegen die Hörner zu zeigen.  Zur mittlerweile nachgerade staatspolitischen Frage, ob horntragende Nutztiere nützlicher und natürlicher sind als „Enthornte“, enthalte ich mich der Stimme. Die infame Behauptung aber, dass Kühe dumm in die Welt glotzen, kann ich nicht stehen lassen. Da bin ich nämlich ein gebranntes Kind. Wie ich vor Jahren – als Moderator im Schweizer Radio –genau dies behauptet hatte, brach im Studio das Telefonnetz zusammen. Besitzer der „Bruune, Gääle, Gfläckäte, Tschäggäte“ aus dem ganzen Land  protestierten lautstark. Kühe würden sanft,  allenfalls treuherzig, oder vielleicht etwas traurig, dreinschauen. Aber nie und nimmer dumm glotzen.

Schon in der nächsten Sendung entschuldigte ich mich bei allen Schweizer Kühen. Im Lexikon steht nämlich: Gemäss Tierforschung sind Kühe sehr intelligente Tiere. Besitzen sie nicht einen IQ, so doch mindestens einen I-KUH!  Via Ohrenspiel  teilen sie Genossinnen mit, wie es ihnen geht. Sind Kühe durstig, betätigen sie den Hebel einer Tränke und zeigen dann ihre Freude. Muhen sie laut, gilt dies dem Bauern und heisst: „Bitte melken!“ Mich selber erstaunt, wie jeweils Nachbars Kühe an den Gartenzaun kommen, wenn die Grosskinder aus der Stadt bei uns sind. Und wie klug sie gucken! Als wollten sie sagen: „Schaut her, uns gibt es nicht nur im Bilderbuch!“

Wiewohl Wisi bereits ziemlich  dumm glotzt, spiele ich noch meinen stärksten Trumpf aus: „Vergessen wir nicht die fitteste und klügste aller Schweizer Kühe“, sage ich: „die schwarzweiss gefleckte, imposant gehörnte ‚Lovely‘!  Wenn die mit dem Fussball jongliert und Tore schiesst, erblassen selbst Shaqiri, Rodrigues und Seferovic vor Neid. Dieses Argument sticht. Stammtischkollege Wisi ruft der Serviertochter:  „Ein Glas Mil… will er sagen. Doch dann: „Äh nein, vielleicht doch lieber ein „Herrgöttli“!  

Romano Cuonz

 

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Tell: Eidgenosse oder Secondo?

„Früh übt sich, was ein Meister werden will, und mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt!“ zitiert Stammtischkollege und Schütze Wisi den wackeren alten Willy Tell. Und nimmt dann einen tüchtigen Schluck auf den Urner Helden. Natürlich: der 1. August naht mit Riesenschritten. Als Schweizer Volksvertreter hat Wisi eine einfache Erklärung zu Tell: Seine Geschichte überliefert ein  Obwaldner Landschreiber namens Hans Schriber im Weissen Buch von Sarnen. Ergo ist der Nationalheld ein Eidgenosse. Ein „Rechter“ durch und durch, den Redner in Festzelten beim Wort nehmen sollen.

Wie bitte? werfe ich ein. War es nicht ein Fremder, der dem Tell all die geflügelten Worte in den Mund gelegt hat? Ein Habsburger gar, namens Friedrich Schiller. Und überhaupt: Ist Tell nicht eher „Sozi“? Wo er doch seiner Frau Hedwig bei einem politischen Disput zuruft: „Ein jeder wird besteuert nach Vermögen!“ Im Kanton Obwalden, wo, dank Flat Rate Tax, ein einheitlicher Steuertarif für alle Einkommen gilt, würde man so einen heute als Ketzer an den Pranger stellen!

Da hält man sich doch lieber an „yserä äinä“: An Arnold von Melchtal. Der ruft Tell entgegen:Es bringt die Zeit ein anderes Gesetz.“ Und ein Unterwaldner Delegierter auf dem Rütli fügt  – in weiser Vorausschau auf geplagte Urner Steuerzahler im Jahr 2018 –  gar noch spöttisch bei: „Wir sind die ersten auf dem Platz, wir Unterwaldner, die Urner sind‘s, die am längsten säumen.“ Selbst in Sachen Einbürgerungen liegen Tell & Co. auf Linkskurs. Als die Österreicherin Bertha von Bruneck fragt: „Wollt ihr als eure Bürgerin mich schützen?“ protestiert keiner. Nicht einmal  Urner Deutsch muss sie lernen. Im Schillerschen Pathos darf sie sich als Doppelbürgerin bewerben!

Und wenn ich als Festredner nun einmal Fahrt aufgenommen habe: Der Schütze Tell selber ist nichts anderes als einer jener Secondos, ohne deren sportliche Leistungen wir Schweizer niemand wären. Selbst wenn seine Familie seit 1291 in der Schweiz lebt: Tells Ahne heisst Toko und ist ein Pfeilbogenschütze und Spitzen- Skifahrer aus Skandinavien, der auf Befehl des bösen Königs Blauzahn seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schiesst. Welch ein Zufall!  Ob es da verwunderlich ist, dass unser fremder „Sänger“ seinen  Tell den Schweizern  zurufen lässt:„Jede Straße führt ans End‘ der Welt.“

Romano Cuonz

 

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Nomen est Omen!

Während einer Velotour habe ich mit dem iPhone die schöne, grüne, Aare eingefangen: in Koblenz, wo sie in den dort weit weniger stattlichen Rhein mündet. Stammtischkollege Wisi wirft einen Blick aufs Bild. Dann konstatiert er dezidiert: „Da haben wir den Beweis: Name ist halt in unserer Welt doch nicht Schall und Rauch!“

„Wagt da einer gar Fausts Zitat zu korrigieren!“ rufe ich aus. Doch Wisi pariert: „Stell dir einmal vor, was heute alles anders wäre, wenn die Aare – was ihr als schweizerisch längstem und wasserreichstem Fluss eigentlich zustünde  – ihren Namen  behalten hätte.“

„Die Beppis müssten ‚Z Basel a myner Aare‘ singen“, sagt er. Und mit erhöhtem Eifer: „Rheinland-Pfalz hiesse Aarland-Pfalz, Wagners Oper  Aargold und statt den berühmten Rheinwein würden wir Aarwein trinken.“ Schuld, dass es nicht so ist – davon ist Wisi überzeugt – sind nur die arroganten Römer. Die hatten sich erfrecht, geographische Namen nach Belieben zu verteilen.

Jetzt fällt’s mir wie Schuppen von den Augen: Kein einziger dieser alten Römer hat wohl so unverfroren  und selbstherrlich geographische Namen kreiert wie der Obwaldner Bauernsohn Franz Josef Bucher. Wie dieser 1871 über dem Vierwaldstättersee einen Bauplatz kauft, befindet sich dort noch die „Alp Tritt“. Das ist ihm zu wenig nobel. Flugs erfindet er den Namen „Bürgenstock“. Und als sein Promiberg berühmt wird, kuscht sogar die sonst so pingelige Landestopographie vor ihm.

Dies ermutigt den Hotelkönig, sich weiterhin als Geograph in eigener Sache zu betätigen. Das  Dörfchen „Kirsiten“ am See – es hat seinen Namen ursprünglich von Kirschbäumen –  tauft er in „Kehrsiten“ um. Einzig und allein, weil dort auf seinen Befehl die Dampfschiffe „kehren“ sollen! Ja, gar noch weiter geht er: Die Bergstation eines Bähnchens in Genua tauft er auf alle Zeiten „Rigi die Genua“. Seinem Schweizer Konkurrenzberg „z‘ Läid und z’Trotz“!

Was dem Hotelkönig und den Römern recht war, muss mir billig sein, finde ich. Und lasse für ein Buch, das zum „Grand Opening“ des Bürgenstock-Resorts erscheint, gleich nochmals einen neuen Namen und Titel urheberrechtlich schützen: „Der Hotelberg“! Zugegeben: ein bisschen abgeguckt bei Thomas Manns berühmtem „Zauberberg“ habe ich da schon. Doch, wie pflegten schon die alten Römer zu sagen: „Nomen est Omen!“    

 Romano Cuonz